Dienstag, 21. April 2015

RegrettingEverything!

Das ist passiert:
Manche Frauen wären lieber doch nicht Mutter. Manche Frauen schreiben, dass Frauen, die doch lieber nicht Mutter wären, schlechte Menschen sind. Manche Frauen schreiben, dass Frauen, die schreiben, dass Frauen, die lieber doch nicht Mütter wären, schlechte Menschen sind, schlechte Menschen sind.

Das wird passieren: 
Regretting motherhood nur der Anfang von etwas ganz Großem. Bald wird landauf, landab um die Wette bereut. Reue wird die Ära der Ehrlichkeit einleiten. Wir werden sie trotzdem nicht "Ärlichkeit" nennen, denn schlechte Wortspiele bereuen wir gleich als erstes.
Kanzler werden bereuen! Journalisten werden bereuen! Alle werden bereuen, und alle haben Recht, weil Dinge nun mal ständig schief laufen. "Och, toll, eine Kurve" ruft das Ding, und schon läuft es schief und krumm und grandios gegen die Wand, weil sich das Ding von einem anderen schiefen Ding hat ablenken lassen. Falsches Auto, falsches Mädchen, falsche Farbe, richtiges Leben! Steht mir doch nicht, mag ich doch nicht, geht so doch nicht, dann halt nicht!

Es wird einen Wettbewerb geben, und wer am meisten bereut, gewinnt. Der Wettbewerb wird in Limburg stattfinden, und der erste Preis ist der Beichtstuhl aus Ebenholz von Tebartz van-Elst. Der ehemalige Bischof ist Juryvorsitzender und Reue-Ehrenpreisträger.
Am Ende gewinnt dann der Moderator, der bereut, nicht etwas Ordentliches gelernt zu haben und jetzt alberne Wettbewerbe moderieren muss, um Frau und Kind, die er gleich mitbereut, durchzufüttern. Tosender Applaus bei jeder falschen Entscheidung, frenetisches, gemeinschaftliches Weinen, der Vorhang fällt über allen und wir kuscheln uns darunter.

Im ganzen Land wird man  das Gejammer hören, Wehklagen, ein Chor der Einigkeit, ein gemeinsames Bedauern über die Unzuverlässigkeit des Lebens, über die Unplanbarkeit von Glück, eine Zärtlichkeit für Entscheidungen, die falsch waren und für Möglichkeiten, die nicht genutzt wurden. Schlechte Noten sind nur bestandenes Zeugnis über erfolgreiches Mensch-Sein. Die Unfehlbaren nennen wir etwas hämisch Siri. Die Häme bereuen wir später.
Es wird Museen geben, in denen Gegenstände ausgestellt sind, deren Erfindung man bereut, die Atombombe etwa, oder Croc-Schuhe, oder Comic Sans, oder komplizierte Kommasetzung-Regeln.

Es wird eine Zeit der Courage und des Aufbruchs, die Fehlbarkeit wird endlich en vogue. Es gibt etwas zu feiern, wir müssen Crémant kaufen und Wodka, so viel wie möglich, wir müssen trinken, bis uns der Schädel platzt, dann können wir morgen gleich anfangen mit dem bereuen.

Das schönste an Reue ist der Abend davor.


Kommentare:

  1. Das klingt fast so wie das derzeitige Gejammer auf Twitter, wo jeder unter #notjustsad seine traurige Geschichte in 140 Zeichen darstellt und das Lesen dieses geballten Frustes einen selber soooo traurig macht. Ist kein Zufall diese Analogie zu diesem Bericht, O D E R?

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  2. Packend plakativ gehaltener Text, nur: Was ist die eigentliche Aussage? Bei „regretingmotherhood“ geht es nicht eigentlich darum zu bereuen – vielmehr geht es um den „Drang“ ein eigenes, hedonistisches Leben zu führen – trotz Mutterschaft. Es geht darum, dass Mutter sein und Familienleben dies nicht ausschliessen sollten oder müssten, es aber häufig immer noch tun...

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  5. ich wette,du bereust diese aussagen schon voll!

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  6. Eben erst diesen(-s?) Blog entdeckt. Der Satz "Das schönste an Reue ist der Abend davor." ist schlicht Meisterklasse!

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(Ich veröffentliche nur freundliche Kommentare. Das Sudelheft ist mein Zuhause, und ich lade selten Leute zu mir nach Hause ein, die mich mit "Ich hasse dich, deine Familie und deine Texte" begrüßen.)