Mittwoch, 20. August 2014

ICH BIN UNGLÜCKLICH

Ich bin unglücklich. Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich im Nachbarhaus einen fetten Typen mit Halbglatze, der sich seit gut zwanzig Minunten vergeblich einen runterholt.  Im Innenhof beschimpfen sich drei Männer auf türkisch, vielleicht brüllen sie aber auch  "ICH HAB DICH ECHT GERN, BRUDER!" und "EY, ICH DICH ERST" - so genau weiß ich das nicht, ich kann kein türkisch.
Es regnet, Travis fragt warum. Ich bin unglücklich. Ihr dürft nicht fragen warum, höchstens warum nicht. Es ist ein sehr guter Tag, um unglücklich zu sein. Ich verpasse nichts. Ich sollte glücklich sein, an so einem langweiligen Tag unglücklich zu sein. An unglücklichen Tagen kann man nämlich auch Glück haben. Zum Beispiel, wenn der Tabak zur Neige geht. Dann hat man nämlich einen Grund, vor die Haustür zu gehen. Das ist gut, denn die meisten guten Dinge passieren vor der Haustür, außer man wohnt in Syrien.
Angemessen unglücklich zu sein ist sehr schwierig. Man braucht viel Übung damit. Profis nutzen unglückliche Tage, um  den Kleiderschrank auszumisten und unter der Küchenzeile zu wischen. Anfänger tippen bei google Bin ich depressiv? ein. Danach rufen sie ihre Freunde an und jammern. Das ist überhaupt ein großes Missverständnis: Unglücklichsein ist noch lange keine Entschuldigung fürs Jammern. Unglücklich sein ist eine Entschuldigung, um unglücklich zu sein. Außerdem muss man nicht duschen.
Ich nutze unglückliche Tage, um mit Leidenschaft zu hassen. Dazu kommt man sonst so selten. Ich sitze zum Beispiel an meinem Küchentisch und hasse ihn. Danach kommt die Küche dran, dann die Wohnung. Scheiß Deutschland. Bis zur totalen Misanthropie brauche ich fast den ganzen Nachmittag. Währenddessen rauche ich viele Zigaretten und ärger mich darüber, dass alles nach Rauch riecht. Am Abend retuschiere ich noch alle meine Bilder in schwarz-weiß und gehe erschöpft, aber unglücklich ins Bett. Vor dem Einschlafen denke ich noch ein bisschen an unheilbare Krankheiten und schaue eine Doku über verhungernde Kinder in Afrika. Es war kein schöner Tag.



Kommentare:

  1. Du bist so begabt! So ein genialer Text - wie immer!

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  2. Ich finde genial was du schreibst und vor allem wie du es schreibst. In Anlehnung an deinen Post über Neid bist du jetzt eine der jungen Autorinnen, auf die ich genauso neidisch bin wie du. Wer Unglück und Depression in Worte fassen kann ohne dabei zu klingen wie Unheilig hat sowieso einen Orden verdient.

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  3. Aber geduscht hast du trotzdem

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(Ich veröffentliche nur freundliche Kommentare. Das Sudelheft ist mein Zuhause, und ich lade selten Leute zu mir nach Hause ein, die mich mit "Ich hasse dich, deine Familie und deine Texte" begrüßen.)