Freitag, 4. November 2016

EINE GRUSELGESCHICHTE

Eigentlich ist das hier ein schöner Ort. Zumindest morgens. Da ist es sehr sauber hier. Draußen gibt es eine großzügige Parkanlage, viel Klee, das ist gut, viel Klee erhöht natürlich statistisch die Wahrscheinlichkeit für vierblätterigen Klee. Ein bisschen Glück können wir alle gut gebrauchen.

Am liebsten mag ich das Gelände frühmorgens. Der Park liegt still da, die Flure leer, im Winter ist es draußen noch dunkel. Drinnen nicht, drinnen ist es nie dunkel. Das Gebäude leuchtet selbst tief in der Nacht wie ein Weihnachtsbaum.

Ab und zu hört man Schreie, aber an die kann man sich gewöhnen, eigentlich klingt es wie Vogelgezwitscher, das Geschreie ist mein Vogelgezwitscher.  Wir hören doch alle gerne die Natur.

Die Schreier machen mich nicht nervös. Schlimm sind die, die nichts sagen. Dieses Gestarre. Wie Vollidioten starren hier alle. Meine Mutter, die hat auch immer nur gestarrt, ich schrieb eine eins in Deutsch, und sie starrte nur, sogar bei der Zeugnisübergabe starrte sie immer nur, super Zeugnisse waren das.

Ich hatte damals von einem russischen Experiment gelesen, in dem Strafgefangene über Wochen lang künstlich wach gehalten wurden. Am Ende schrien sie und rissen sich die Gliedmaßen aus. Schreien ist besser als starren. Noch lieber hätte ich aber gehabt, dass meine Mutter mir über den Kopf strich, aber von einem solchen Experiment hatte ich noch nie gelesen. Das lohnt sich in Kriegszeiten wahrscheinlich nicht. Wer braucht da Kopfstreicheln.

Vierzehn war ich, als ich davon las. Ich kaufte also Dosenravioli und für sie Magazine mit sportlichen Frauen auf den Covern, und Videos hatte ich ausgeliehen, alte Klassiker, für die man sonst nie Zeit hat. Bevor meine Mutter gestarrt hat, mochte sie „vom Winde verweht“ und langweilen sollte sie sich nicht. Wo sie doch so lang wach sein musste.

Zwei Tage ging alles gut. Nachts schrie ich, sprach von Bauchweh. Zweimal fuhren wir in die Klinik. Am dritten Abend entnahm man mir den Blinddarm.
Ich bat meine Mutter, bei mir zu blieben. Aber das wachhalten war auch für mich kräftezehrend.

 Ich wurde sehr müde. Das war am vierten Tag. Darüber hatte ich anfangs nicht nachgedacht. Vom Baumarkt holte ich ein Seil. Ich habe so eine kreative Ader, das hat meine Mutter immer gesagt, bevor sie angefangen hat mit dem Gestarre. Früher auch gerne gemalt und so. Mit dem Seil band ich meine Mutter an die weiße Säule im Hauseingang. Meine Mutter liebte diesen Neo-klassizistischen Krams. Wer starrt, hat wenig Kraft. Es ging ganz leicht. Sie wehrte sich kaum. Vielleicht dachte sie, es sein ein Spiel.

Dann setzte ich ihr Kopfhörer auf. Meine Mutter liebt Beethoven. Dann ging ich schlafen. Als ich aufwachte, hatte sie es geschafft, sich die Kopfhörer abzuschütteln. Ganz leise hörte man da die fünfte auf dem Parkett. Sie schrie aber nicht. Sie schlief an der Säule, den Kopf auf der Brust, an die Säule gebunden.

Mit Gaffertape hielten die Kopfhörer dann. Ich wickelte eine Decke um sie und schaffte den Fernseher vor die Säule. Dann ging ich zur Schule.

Manchmal bin ich so zerstreut. Als wäre es in meinem Kopf zu eng, so fühlt sich das an. Es klopft von innen, als müsste man ein kleines Loch in den Schädel bohren, um den Druck zu senken. Ich kann mir das Geräusch gut vorstellen, ein bisschen, wie das Geräusch von Luftmatratzen, wenn man den Stöpsel zieht.

 In der Schule dachte ich dann an andere Leute, das ist ja quasi mein Job heute. Ich übernachtete an dem Abend bei meinen Banknachbarn. Dann noch das Wochenende. Zelten im Garten. Die Sterne über Hessen. Erst am Dienstag schickten seine Eltern mich heim.

Der Gedanke an meine Mutter war da einfach zu schwach, das Signal von zu Hause aus nicht stark genug. Aber Fehler sind ja menschlich. Wir sind doch alle Menschen. Das macht uns ja auch schön, oder? Wie kleine Muttermale. Ein kleiner, vergessener Gedanke, wie ein kleines Muttermal über der Lippe.

Denn natürlich müssen Menschen trinken. Das kann man nicht einfach aufschieben, wie Gedanken. Als ich nach Hause zurückkam, hat meine Mutter dann natürlich doch geschlafen, trotz Beethoven. Sogar tiefer als sonst. Ich hab sie schlafen lassen, erst an der Säule, später habe ich sie in das Solarium im Keller geschleppt. Sie war sehr schwer.

Ich habe mich schon wieder in der Vergangenheit verloren. Ich wollte doch erzählen, wie es hier ist.

Die Schwestern in den weißen Kleidern. Die Jugendlichen mit den aufgeschnittenen Armen. Das Mädchen, dass genauso dämlich starrt wie meine Mutter damals. Alle sehe ich hier, jeden Tag. Mit manchen der Jugendlichen kann man reden, aber die meisten starren lieber, als könnten sie irgendwie mehr sehen als ich, als würden sie einfach durch einen durchsehen, als wäre man gar nicht da. Aber wir sind alle da, alle. Nicht nur die Starrer. Uns allen gehört die Welt.

Am schlimmsten sind die Mädchen. Halten sich für zerbrechlich, verkümmern vor dem Fernseher, dünn wie Papier. Dabei ist man wirklich zerbrechlich erst, wenn man zwei Wochen in einem Solarium liegt und immer noch schläft. So einen Schlaf hatte meine Mutter. Zwei Wochen, Monate, hat der gar nichts ausgemacht.

Gegen acht Uhr morgens wird es hier lauter. Da muss ich mich um die anderen kümmern. Aber nur um die, die kein weiß tragen, und keine Schlappen.

Man hört an den Schrittgeräuschen, ob da jemand kommt, um den man sich kümmern muss. Bei schmatzenden Schlappen-geräuschen grüßt man nur. Ich hasse das Schlappen-Geräusch fast so sehr wie die Starrer. Das Geräusch, die betulichen Fragen, wie es uns denn heute ginge. Dabei interessiert die das gar nicht. Das müssen die fragen.

Die Flure schweben sie auf und ab, und wenn sie mich sehen, bleiben sie kurz stehen und lächeln mich an, drücken mir Zettel in die Hand: „Guten Morgen Herr Doktor. Mal wieder Terror auf der 8c, Herr Doktor. Bei Patientin Großkranzeburg auf 8 mg erhöhen, Herr Doktor?“



Kommentare:

  1. ronja, kleines zwiebelchen ('ich bin ein kleines zwiebelchen / bewahr mich vor den übelchen' geht ein kindergedicht von ringelnatz), pass auf, dass du nicht so endest: irrenärztin im irrenhaus mit einer erstickten mutter im solarium. deutschland ist voll von solchen fällen. und noch voller von solchen starrern. kenn ich sogar ein paar davon.

    dein fabio keiner

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  2. Und manchmal wünscht man sich völlig zu verschwinden,
    mit der Hoffnung sich dabei zumindest schemenhaft wiederzufinden.
    Ähnlich erging es mir dereinst als ich in einen Schneesturm geriet,
    als nichts mehr zu sehen, ja nicht mal mehr zu erspähen war
    und selbst die Kälte nicht mehr fühlbar, war ich völlig angstfrei,
    doch dann war der Wintersturm schon wieder vorbei.

    Herzlichen Dank für die Inspiration
    und den Moment des sich wiederfindens
    auch zwischen den Zeilen.

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  3. ich bin ein starrer und dünn wie ein blatt, herzchen

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  4. Lob UND Lucre UND Lust

    Sie haben eine große Fantasie und eine schöne Art sie auszudrücken. Ist es Ihnen eingefallen, Ihre Texte ins Englische übersetzen zu lassen? Das könnte ich machen. Überlege auch, ob es Ihnen gefallen würde, die Geschichte von Z&Z ins Deutsche zu übersetzen. Übersetzen wir einander. Wenn Ihr Verleger die Initiative unterstützt, verdienen wir sicher auch Geld damit. Und ich denke, dass es für uns viel Spaß sein wird.
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    LM

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(Ich veröffentliche nur freundliche Kommentare. Das Sudelheft ist mein Zuhause, und ich lade selten Leute zu mir nach Hause ein, die mich mit "Ich hasse dich, deine Familie und deine Texte" begrüßen.)