Dienstag, 5. Januar 2016

SO IST SCHREIBEN

Jetzt ist dieses Buch tatsächlich geschrieben, und plötzlich fragen alle, wie Schreiben denn so ist. Hier die Antwort.

Schreiben sei eine einsame Tätigkeit, sagen viele. Die vielen lügen. Ich wünschte, es wäre einsam. Für mich ist Schreiben eher wie eine schlechte Party mit einer miserablen Auswahl an Gästen. Die meisten habe ich nicht eingeladen. Spätestens nachdem ich zwei Worte getippt habe, klopft der erste Gast an, leise noch und etwas schüchtern, dann wird es voller, und während ich doch nur arbeiten möchte, rempeln mich alle an, wollen Smalltalk betreiben, schauen mir neugierig über die Schulter.

MEINE MUTTER:
Ich hoffe, sie widmet dieses Buch nicht mir. Oh Gott, hoffentlich widmet sie dieses Buch nicht mir. Sie soll es ihrem Vater widmen. Oder einem Fremden. Vielleicht einem Flüchtling? Kann ein Flüchtling eine Widmung gebrauchen? Kann IRGENDJEMAND dieses Buch gebrauchen? Ob es wohl Sexszenen gibt? Oh Gott, hoffentlich gibt es keine Sexszenen. Hoffentlich hat sie keinen Sex. Hat meine Tochter Sex? Gott, ist das ekelhaft alles.

MEINE GROSSMUTTER:
Ich mag das Buch, aber nur, wenn es heiter ist. Wenn das Buch nicht heiter ist, mag ich es nicht. Ich will ein heiteres Buch. Etwas fürs Herz! Ich bin deine Großmutter. Ich bin alt. Willst du deine alternde Großmutter unglücklich machen? Ich habe den Krieg nicht für ein schlechtes Buch meiner Enkelin überlebt. Ich will Heiterkeit!

EIN FEUILLETONIST:
Ich sprech jetzt mal für die gesamte Kulturlandschaft, ist so ein Hobby von mir: Man erkennt sofort, dass ein Buch nichts wert ist, wenn es heiter ist. Wir lachen nicht gern. Wir sind Feuilletonisten. Feuilletonisten, die lachen, nimmt ja kein Mensch ernst. Da können wir ja gleich Sextoys für bento testen. Überhaupt, wenn es nicht um die DDR oder die Nazivergangenheit geht, lesen wir den Mist gar nicht erst. Stichwort Dringlichkeit. Übrigens, vor kurzem hatten wir einen Kongress und haben beschlossen, was wir auf gar keinen Fall mehr wollen: Generationenbücher. Wenn es ein Generationenbuch wird, vergleichen wir dich mit Christian Kracht, bis du weinst. Wobei, der war wenigstens nicht heiter. Hey, Ronja! Erinnerst du dich an Klagenfurt? That was fun, right? Und das war nur der Anfang. Versprochen.

Da ist es. Wir kommen. Aber erst in zwei Monaten.
 Und dann gehen wir gleich wieder. Scheißparty.
DIE DOZENTEN DER SCHREIBSCHULE:
Du brauchst eine eigene Stimme. Stopp, stopp, das ist jetzt zu eigen, das ist ja völlig unverständlich. Wer soll das denn lesen? Fang noch mal von vorn an. Mach erst mal weiter.
Schreib nach Regeln. Brich die Regeln. Oh hey, schau mal, das Buch deines Kommilitonen geht gerade durch die Decke. Der schreibt ja auch erzählender. Und dringlicher. Und außerdem kam er nicht auf die glorreiche Idee, sich schon vor dem ersten Buch in einen Shitstorm hineinzuschreiben. Warte, streich das »glorreiche« in dem Satz da eben. Keine Adjektive! Schon gar keine so hässlichen wie »glorreich«. Glorreich, glorreich, glorreich. Bah. Ich kotz im Strahl. Ne, mach ich nicht. Ich bin Dozent.
Ich meine, um was geht es dir? Was ist das Problem deiner Protagonistin? Psst, nicht sagen, SHOW, DON’T TELL, meine Fresse. Mach’s bloß nicht spannend, dann ist es Genre, und Genreautoren laden wir nicht auf unsere Institutspartys ein. Und die sind nicht so schlecht, wie alle denken. Die sind glorreich.

DIE KOMPLEXE:
Weißt du, wer mehr wert ist als du? ALLE!

DIE LIEBLINGSAUTOREN RÄUSPERN SICH. SIE HÄTTEN DA EINEN COUNTRY-SONG EINGEÜBT, DEN WOLLTEN SIE ZUSAMMEN VORSINGEN: 
Hey Baby. Das haben wir schon gemacht. Hey Baby. Das auch. Das auch, aber besser. Und das auch, aber lustiger. Und das auch, aber mitreißender. Baby. Dein Buch ist die Hölle. Hölle, Hölle, Hölle. Es wäre ja schmeichelhaft, wenn du klauen würdest, aber du kopierst einfach schlecht. Du bist wie ein Kopierer ohne Tinte. Oder Papier. Oder Strom. Baby.Und ja, wir können keine Countrysongs. Aber dafür können wir schreiben, im Gegensatz zu dir.

SHALOM AUSLANDER:
Oh, Ronja klaut wieder? Gewöhnt euch dran. Die komplette Idee von diesem Text hier ist von mir. Kann jeder nachlesen auf tabletmag.com.

KNAUSGARD:
Schreib einfach über dich.

KAFKA:
Oder über Käfer?

J.K. ROWLING:
Du brauchst mehr Zauberer.

MARC UWE KLING:
Oder Kängurus!

STURM-UND-DRANG-GOETHE:
Du musst dich viel mehr vom Gefühl leiten lassen!

KLASSIK-GOETHE:
Du darfst dich nicht so sehr vom Gefühl leiten lassen!

EIN AMAZONKUNDE:
Also, mich hat das jetzt nicht umgehauen. War irgendwie öde. Also, zumindest bis Seite drei, weiter habe ich nicht gelesen. War zu langwei- lig. Oh Gott, war das langweilig. Stattdessen habe ich mein Mathebuch auswendig gelernt. Während der Lektüre von Rönnes Buch habe ich zweimal gelacht. Das erste Mal, weil mir beim Lesen der Kakao umge- kippt ist. Ich finde Sachen, die umkippen, lustiger als dieses Buch. Das zweite Mal war aus Versehen. Ich vergebe einen Stern, weil man nicht null vergeben kann. Definitiv KEINE Kaufempfehlung!!!!!!!!!

FLUCHTREFLEX:
Weißt du, was dir jetzt beim Schreiben helfen würde? Wein! Am besten, du entspannst dich erstmal. So wie gestern. Und vorgestern. Und vorvorgestern. Oh, schau mal da! Doch, da war gerade was! Geh lieber mal nachgucken. Und auf dem Rückweg kannst du gleich abspülen. Das müsstest du ja eh machen, irgendwann. Jetzt rauch erst mal eine. Oder lies doch mal etwas. Du musst dich doch informiert halten. Bevor du mit dem Schreiben beginnst, solltest du unbedingt das Internet durchlesen. Oder Qui-Gong lernen. Oder lernen, wie man Qi-Gong schreibt. 

KLASSIK-GOETHE:
Andere Frage: Bist du ein Genie? Weil sonst kannst du es eigentlich gleich ganz lassen.

FLUCHTREFLEX:
Was immer hilft, ist Wikipedia-Lebensläufe von Leuten lesen, die viel jünger schon viel erfolgreicher waren als du. Das hilft echt immer. Wirklich. Jetzt glaub mir doch mal!

MEIN VATER:
Und dafür haben wir ihr drei Studienabbrüche finanziert. Hoffentlich bringt ihr Bruder sie irgendwann durch. Oder um.

MEIN BRUDER:
Ich habe dich immer schon gehasst.

REDAKTEUR EINES HIPPEN ONLINE-MAGAZINS:
Dieses crazy Buch von der crazy Antifeministin ist doch nicht so crazy wie von diesem Winkels angenommen! Hyperkrass! Lest hier: Zehn Gründe, warum Rönnes Buch noch schlechter ist als die Lage in Syrien! Yolo!

JURYMITGLIED EINES BEDEUTENDEN LITERATURPREISES:
Hast du nicht eine Oma, die von irgendwo nach irgendwo geflüchtet ist?

MEINE GROSSMUTTER:
Schreib sowas wie der Hundertjährige, der abgehauen ist, das war eine schöne Geschichte, das war so nett.

DIE VERZWEIFLUNG:
IMIR GEHÖRT DIE WELT! NIEDER MIT DER HOFFNUNG!

DER MANN, DEN ICH LIEBE UND DER AUCH SCHREIBT, NUR BESSER:
Ich schreibe auch, nur besser. Generell bin ich besser als du. Man könn- te auch sagen: zu gut für dich. Oh, schau, eine fremde Jungautorin. Ich geh mal hallo sagen. Ich geh mal eine neue Beziehung ein. Tschüss!

FLUCHTREFLEX:
Ich mach jetzt einen Netflix-Account. Du MUSST ja nicht mitschauen, ich sag ja nur ...

DIE VERZWEIFLUNG:
Wer aufgibt, darf ausschlafen.

Irgendwann reicht es dann, ich klappe den Laptop zu und schmeiße sie alle raus. Nur die Verzweiflung bleibt noch ein bisschen und knutscht in einer Ecke mit dem Fatalismus. Dabei stoßen sie nichts um.


Am Ende sitzt man allein da und räumt die Scherben weg. Aber wer aufräumen muss, muss immerhin nicht schreiben. Immerhin das nicht.



Kommentare:

  1. ein gute-nacht-gedicht für dich:

    atems schatten

    zu kalt im winterlicht / nur deines atems schatten / mich zu wärmen

    schön, nicht? ein bisserl kitschy, aber was soll's :))

    und mach dir nicht zuviel gedanken um/über deine leser&innen:
    reden ist silber, schweigen ist gold (sagt der verbrannte volksmund). und schreiben? eigentlich schreibt jeder nur für sich allein ('sei nicht so gefallsüchtig! ronja, everybody's darling')
    überhaupt bist u zu intelligent für die literaturmafia.
    und zu hübsch für die talk-show-illu-bloggies.
    schreiben ist ein einsamer traum.
    kafka-käfer wusste, warum er alle seine maunskripte verbrannt haben wollte nach seinem tod.

    anonymerweise,
    fabio keiner

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    1. Was ich mag: Formatierungen.
      Was ich nicht mag: Smileys, schlechte Gedichte.

      Anonymarrrr

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    2. hihi
      da ist aber einer schwer eifersüchtig aus der grossen fan-gemeinde.
      formatierungen sind nur für voll-individuos. smileys sind das salz der nerdigen tagger-hascherln, gell.
      im übrigen interessiert's mich wenig, ob&was du magst oder nicht. :))
      anonymerweise,
      fabio keiner

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  2. Herman Melvilles Kommentar: Endlich mal wieder eine, die sich was traut und neue Formen ausprobiert!

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  3. Bin schon gespannt auf den Buch. Hau rein!

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  4. handelt das buch von herrmann mann? ich hoffe sehr, dass es um herrmann manns resignierten und aussichts- sowie freudlosen kampf um akzeptanz von der gesellschaft geht. herr mann könnte ja einen witz erzählen, dann hat deine oma die gewünschte heiterkeit.
    der witz darf aber nicht zu witzig sein. er sollte eher deprimierend sein. sonst muss herrmann vielleicht lachen und das wäre unauthentisch für seinen charakter.

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  5. ich freue mich immer wieder, da lese ich frische und humor....

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  6. Weitermachen! Irgendwie ist die Welt bunter mit Dir. Und man hat die Hoffnung, dass endlich mal wieder was neues kommt. Werde das Buch lesen. Prost Neujahr aus Berlin!

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  7. Ich musste beim Lesen gerade laut lachen und habe dabei meine Kaffeetasse umgehauen. Ohne Witz. Freu mich auf dein Buch!

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  8. Hmm, vor genau zwei Stunden habe ich vor Langeweile den Böhmi angeschaltet
    .. Unglaublich, dass diese Sendung um 1:15 läuft. Perfekt! Auf jeden Fall warst du dann da. Was mich gestört hat war, dass du sagtest "(Name des Clowns) soll sterben" - Fand ich doof, vielleicht auch ein Insider den ich nicht verstehe?! Ich weiß es nicht...
    Naja nach einer Doku über Dubai und diese Detektivzeugs, das Nachts so läuft hab ich dich mal gegoogelt, eigentlich außer mehr negative Interesse als Euphorie...
    Hmm, bin jetzt aber selbst überrascht, mag deinen Schreibkunst.. JAP, wortwörtlich Kunst! Man kann sie nämlich nicht genau definieren, hat etwas, wie abstrakte Bilder von meiner Cousine aus dem Kindergarten. Oder wie meine furchtbare Kommasetzung, owai!
    Hab mich gefragt ob du eine gläubige Person bist? Bist du das?
    Fehlt dir das?

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  9. Das gefällt mir, das ist witzig, wenngleich auch traurig, diese Party.

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  10. Hui.

    Im Sinne von "das denken die Leute, das denken die anderen Leute, das könnte werauchimmer denken ... "

    Es erinnert mich an meine Gedanken, die ich im Zustand meiner krassesten Existenzkrise und großer Melancholie so hatte. Eine Art Leere.

    Damals, und das ist erst grob zwei Monate her, habe ich die eigene Bedeutungslosigkeit gefühlt. Also nicht bewusst gewusst, sondern gefühlt.

    Die Marter dadurch, dass man sich vergleicht. Mit den Leuten aus dem Studium, die schon ne Weile promovieren. Mit Künstlern. Mit wem auch immer. Da lese ich die Biografien von Dali, Churchill, von Autoren, deren Geschreibsel ich mag. Von meinen Lieblingsmusikern. Von random Leuten, die einen Eintrag auf Wikipedia haben. Von Naturwissenschaftlern. Irgendwann bin ich bei meinen Professoren. Später dann bei Stoya. Ich mag Stoya. Vllt auch weil sie meiner lieben verfluchten Exfreundin so ähnlich ist. Und es mich immernoch zerreißt.

    Und dann stellt sich dieses "Scheiße, ich bin 26, was mach ich mit meinem Leben?" ein. Und dann kommt die Verzweiflung.

    Waaaahh

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  11. Ein Ralf schreibt.Dein Buch konnte ich mir noch nicht kaufen. Aber keine Bange, dass liegt am Geld. Ob es lesenswert wird...(?) ich bezweifele es.
    Ich hab`drei Jahre als Schlosser gearbeitet... Und am liebsten war mir das schweißen, die Flamme, die ausging. Aber diese Arbeit war so anstrengend, man mußte mit Menschen reden,
    von Dingen die sie okay fanden. Das nur so.
    Gestern habe ich mal wieder d.h.Lawrence gelesen: Sonne,oder so.
    Deine Mutter liebt dich, weil du ihr Kind bist?
    Ich habe mal mit einer Freundin geschrieben- und die war mutig (22.Jahre alt) ich dachte gerade an ein Kind - und da sagte sie: Kinder sind nie unsere Kinder, sondern die Söhne und Töchter der Suche nach sich selbst.
    Ich fühl`mich grad`wie Frühling. Schön das bei dir etwas schwingt.

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  12. Ahhhh
    Wegen deinem Buch hört sich die Stimme in meinem Kopf, die mein Leben kommentiert an wie du.
    Geht das wieder weg?
    Nicht dass das besonders schlimm wäre...

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  13. Ich glaube Du bist crazy. Ziemlich durch. Dabei irgendwie saucool und Deine Schreibe ist klasse.
    Vllt neigst Du zu Depressionen, die könntest Du tatsächlich mit Schreiben in den Griff bekommen. Oder auch nicht.
    Wie viele weltklasse Schriftsteller gab es die Depressionen hatten. So einige.
    Ich denke das Du so etwas wie ein SchriftstellerGen in Dir hast. Du bist halt aus der Neuzeit. Aber durchgeknallt genug um Dir anständige, vllt sogar zuviele Gedanken zu machen.
    Mal driften sie ab, mal brechen sie geradeaus in die Wirklichkeit hinein.
    Deine Texte sind philosphisch und manchmal naiv, aber man bemerkt das Du viele Gedanken in Deinem Kopf hast die sich manchmal wirklich sehr gut hier ergießen.
    Ich bin stolz auf Dich und finde das immer noch seltsam.

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(Ich veröffentliche nur freundliche Kommentare. Das Sudelheft ist mein Zuhause, und ich lade selten Leute zu mir nach Hause ein, die mich mit "Ich hasse dich, deine Familie und deine Texte" begrüßen.)