Donnerstag, 30. Oktober 2014

"DEPRESSIONEN FIND ICH SCHARF"

Man fragt sich, was mit den Leuten los ist. Eh schon, wenn man Menschen im Theater mit Northface-Jacken sieht. Aber es ist ja alles noch viel irrer. Und irgendwann ist das Irre glamourös geworden.

Ich bin für einen offenen Umgang mit psychischen Krankheiten. Ob jemand nun Diabetes oder Depression oder beides hat, ist mir erst einmal egal. Beides sind Krankheiten. Aber Krankheiten sind für mich erstmal nichts, was Menschen irgendwie besonders macht. Wenn mir jemand sagt "Alter, ich habe Magendarminfekt, vorher richtig heftig gekotzt, jetzt gehts mir besser", ist es auch irgendwie in Ordnung, ehrlichen Ekel zu zeigen. Ersetzt man in dem gleichen Satz das Wort Magendarminfekt mit Bulimie, fühle ich irgendwie dazu genötigt, völlig ergriffen zu sein.  Irgendwann in letzter Zeit hat sich die Depression und ihre Gefährten sogar als beliebtes Smalltalkthema durchgesetzt. Folgendes ist wirklich passiert:

 A.: "Daniel, das ist Ronja. Die war auch mal in Therapie, ihr versteht euch bestimmt super!"
Daniel: "Oh, krass. Ich find Mädchen mit Depressionen irgendwie scharf. Die haben so was dunkles."

 Wenn der Junge auf die dunkle Seite abfährt, hat er ja Glück gehabt, er selbst ist zumindest nicht besonders helle. Dass sich die Depression irgendwann als etwas Glamouröses durchsetzte, hat sicherlich mit ihren berühmten Betroffenen zu tun. Wer depressiv ist, steht in einer Reihe mit Picasso, Shakespeare, Kierkegaard. Und natürlich kann man sagen, welcher vernünftige Mensch ist nicht von Grund auf unglücklich. Aber es gibt eine feine Linie zwischen aufrichtigem Unglücklich-Sein und einer Depression. Zweiteres ist eine Krankheit. Hat nichts mit Traurigkeit zu tun. Tritt oft willkürlich ein und nicht, weil man so dermaßen deepe Gedanken hat. Depression kann auch ziemlich dumme Leute treffen. Und ich will den Typen sehen, der darauf abfährt, wenn ich ungeduscht mit fettigen Haaren auf meinem Bett sitze, kalten Curry King esse, mich nicht bewege und einsilbig antworte, weil jedes Wort enorme Anstrengung kostet. Depression, Bulimie, Panikattacken, Burn Out und haste-nicht-gesehen sind keine Auszeichnung künstlerischen Darbens, sind nicht romantisch, sondern ein Abfuck vor dem Herren. Ganz genau wie Magendarminfekte. Oder Northface-Jacken.

Kommentare:

  1. True story. Und man sollte sie auch genauso behandeln: Wie einen Magen-Darm-Infekt oder eine Northface-Jacke. Mit allem was geht bekämpfen und hoffen, dass man sie los kriegt. Denn leider sind die manchmal wie Jacken, die man in den Tiefen des Kleiderschranks versteckt hat - irgendwann tauchen die Scheißdinger wieder auf und du fragst dich: Wohin jetzt damit!?
    Find's gut, dass du das Thema ansprichst!
    Lieben Gruß,
    Kathi

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  2. Sry, aber es sind keine Krankheiten sondern Störungen. Psychische Krankheit-> Volksmund....Fachbegriff-> psychische Störung...und das hat auch seine Berechtigung! In dem Fall zerstört diese auch die Aussage deines Artikels. Deshalb: informieren!

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    1. Wie diese Haarspalterei die Aussage des Textes aushebeln soll, leuchtet mir wenig bis gar nicht ein. Deshalb: Argumentieren!

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  3. Ich verweise immer sehr gern auf diesen Artikel:

    http://erzaehlmirnix.wordpress.com/2012/05/04/regeln-des-depressivseins/

    Und habe gerade noch diesen gefunden:

    http://erzaehlmirnix.wordpress.com/2014/11/11/undankbar/

    Ironisch, aber treffend.

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  4. Keine Ahnung wie ich hier gelandet bin, aber ich denke, ins Theater kann jeder gehen wie er oder sie will. Wer da über bestimmte Jacken meckert, ist sehr wahrscheinlich selber irre. Anders kann ich mir so einen oberflächlichen Quatsch nicht erklären...

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  5. was ist so schlimm an northface-jacken?

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  6. Und genau jene Fragen über Nothface-Jacken und Belehrungen bezüglich Depression, schildern eure Hilflosigkeit.
    Ihr seid nicht mehr als einfach Häftlinge im Gefängnis eurer eigenen Vernunft.

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(Ich veröffentliche nur freundliche Kommentare. Das Sudelheft ist mein Zuhause, und ich lade selten Leute zu mir nach Hause ein, die mich mit "Ich hasse dich, deine Familie und deine Texte" begrüßen.)